Das Leiden der Afghanen unter Besetzung und Krieg
Ein Gespräch mit Dr. Mohammed Daud Miraki
(aus: www.zeit-fragen.ch)
German-foreign-policy.com: Westliche Truppen sind in Afghanistan einmarschiert, angeblich mit dem Ziel, dem Land Demokratie und bessere Lebensverhältnisse zu bringen. Sie sind in Afghanistan gewesen. Was haben Sie gesehen? Demokratie und ein besseres Leben?
Dr. Mohammed Daud Miraki: Nein, überhaupt nicht. Absolut nicht. Wissen Sie, Demokratie beschreibt nicht irgend etwas Konkretes, es ist nur so ein Rahmenentwurf. Man kann höchstens danach gehen, was die Grossmächte als den Massstab des Erfolgs bezeichnen: Wahlen und eine Verfassung. Das bedeutet aber gar nichts für den gewöhnlichen Afghanen. Er kann die Verfassung nicht in Brot verwandeln, oder in Kleidung, Medizin oder Unterkunft. Deshalb ist «Demokratie» nur ein allgemeines Wort. Jede Macht im Laufe der Geschichte hatte ihre eigenen Adjektive, hat die eine oder andere Erklärung, um ihre imperialistischen Ziele zu benennen. «Demokratie» kommt den Amerikanern als Terminus entgegen, um ihre schrecklichen Absichten zu verkleiden.
Wie sieht die Situation in Afghanistan wirklich aus?Wo Sie Armut vorfinden, schreckliche Armut und Hoffnungslosigkeit, hört jede Art von Normalität, die vorher in der Gesellschaft bestanden hat, in der Familie, in der Nachbarschaft, auf zu existieren. Schauen Sie, wenn die Leute bombardiert werden und getötet werden, muss jeder nach sich selbst schauen. Ein normales soziales Leben gibt es nicht mehr. Die Prioritäten der Menschen verändern sich, ihre Einstellung zum Leben verändert sich, und die Perspektiven der Menschen bezüglich dessen, was getan werden muss, ändern sich auch. Oberste Priorität für die Menschen in Afghanistan hat die Frage: Wo können sie Nahrung finden, wie können sie genug Nahrungsmittel bekommen, um ihren Magen zu füllen.
Und finden sie genug?Natürlich nicht. Unglücklicherweise sind parallel zur US-Invasion die Lebenshaltungskosten exponentiell gestiegen. Die Preise für Land, für Wohnungen, Miete z.B. sind in die Höhe geschnellt. Vor der Invasion konnte man ein bescheidenes Haus für 50 Dollar im Monat mieten. Dasselbe Haus kostet heute 1500 Dollar pro Monat. Vor der Invasion konnte man in der wohlhabenden Gegend von Kabul ein Haus für 300 bis 350 Dollar mieten. Die Miete für dasselbe Haus kostet heute 15000 Dollar im Monat. Die Wirtschaft hat sich also den Besatzungsmächten angepasst, den ausländischen NGOs und den ausländischen Beraterfirmen. Es gibt nichts für die Afghanen. Die Afghanen werden immer mehr an den Rand gedrängt, entmenschlicht und zu Opfern gemacht. Jeder, der dreimal am Tag essen kann, ist der glücklichste Mensch der Welt. Es ist Luxus in Afghanistan, dreimal täglich zu essen.
Der Krieg hat in Afghanistan aus vielen Kindern Waisen gemacht. Wie leben sie?Natürlich gibt es viele Waisen, schon vom letzten Krieg, als die Russen 1,5 Millionen Menschen ermordet haben. Eine grosse Anzahl Waisen stammt noch aus dieser Zeit. Dann haben die Bombardierungen der USA und ihrer Verbündeten die schreckliche Situation der Waisen noch verschlimmert. Die Waisen sind wirklich die Hauptopfer. Sie müssen irgendwo Nahrung für sich finden, sie müssen allein überleben. Sie werden von Kriminellenorganisationen gekidnappt und in der ganzen Welt an Pädophile verkauft, aber auch an US-Militärfirmen wie Blackwater, Brown and Root und so weiter für sexuelle Ausbeutung. Sie werden ausschliesslich für den Missbrauch verkauft, herumgestossen und schliesslich umgebracht, oder was man ihnen sonst noch antut. Auch werden sie von Kriminellen entführt, damit man ihnen die Organe herausschneidet und sie internationalen kriminellen Syndikaten für Transplantation verkauft - ihre Nieren, ihre Leber, usw. Einige Kriminelle betreiben das Geschäft mit diesen Waisen völlig uneingeschränkt.
Unter welchen Bedingungen leben die Flüchtlinge?Seit der Invasion vor 6 Jahren hat die US-Propaganda behauptet, es gebe Entwicklung, Wiederaufbau, alles liefe prima. Die Flüchtlinge in Pakistan und in Iran wurden aufgefordert, nach Afghanistan zurückzukehren. Jedoch befinden sie sich dann in einer Situation, die viel schlimmer als vorher ist. Sie kehren in ein Land zurück, dessen Regierung nicht in der Lage ist, ihnen auch nur ein Minimum an Hilfe zu bieten. Sie werden schliesslich zu Vertriebenen im eigenen Land. Sie können nirgendwo hingehen, nirgendwo bleiben, haben kein Dach über dem Kopf, nichts wovon sie ihre Familien unterhalten können, nichts womit sie ihre Familie schützen könnten. Ihre Kinder sterben in den kalten Nächten - es ist wirklich sehr kalt in Afghanistan -, und es gibt viele Krankheiten. Dazu kommen noch die im Land vertriebenen Flüchtlinge, die vor den US- und Nato-Bombardierungen im Süden und Osten des Landes flüchten mussten. Die Bombardierungen zwangen die Menschen, ihre Dörfer zu verlassen und Zuflucht in einem Flüchtlingslager zu suchen, wo viele Kinder und viele Erwachsene verhungern. Die Nato und der Westen sagen: «Oh, wir sind hier, um Sicherheit zu bringen.» Aber mit Gewehrkugeln und der Zerstörung von Menschen kann man keine Sicherheit bringen.
Man sagt, dass die OEF-(«Operation Enduring Freedom»-)Truppen Munition mit abgereichertem Uran verwenden ...Sie gebrauchen es in riesigen Mengen. Sie haben mehr als 1200 Tonnen an Munition mit abgereichertem Uran verwendet. Das hat eine Menge an genetisch bedingten Missbildungen bei den Neugeborenen verursacht. Auch hat es zu Krebserkrankungen und anderen unerklärlichen Krankheiten geführt. So haben zum Beispiel Frauen im Gebiet von Tora Bora, ebenso wie Tiere, spontane Fehlgeburten. Sie können ihren Nachwuchs nicht austragen. Auch haben die Babys vor der Geburt schon Krebs, noch im Mutterleib. Kinder werden mit Krebs oder mit Missbildungen geboren. Dieses Uran hat eine Halbwertzeit von fünf Milliarden Jahren, das heisst, das afghanische Volk ist dem allmählichen Tode geweiht. Das ist eine Tragödie - unglücklicherweise können die Afghanen nicht aus ihrem Land weglaufen, und ihr Land kann nicht von ihnen weglaufen. Deshalb bin ich dabei, Geld zu sammeln, um eine Forschungseinrichtung zu errichten, die helfen könnte. Wenn das Geld, das man benutzt hat, um Menschen umzubringen, für den Bau einer Forschungseinrichtung verwendet worden wäre, um herauszufinden, wie man mit dieser DU-Munition verfahren muss, wäre das sehr viel produktiver gewesen.
Quelle: www.german-foreign-policy.com vom 28.9.2007 (Übersetzung Zeit-Fragen)
«Das ist ein weiteres Kind im Meer des Elends in Kabul, welches versucht, Kaugummi zu verkaufen, um Geld für Brot zu verdienen. Sein Vater ist behindert. Er hatte eine gelbe Tasche aufgehoben, weil er dachte, es sei eine der Fertigmahlzeiten, die die US-Luftwaffe während der Bombenangriffe abwarfen. Unglücklicherweise ähneln die nicht explodierten Clusterbomben sehr den Fertigmahlzeiten. Als er die Bombe berührte, explodierte sie und verletzte seinen rechten Arm und sein linkes Auge, so dass er erblindete. Dieses Kind und seine Mutter versuchen, etwas Geld zu verdienen, damit sie Brot kaufen können. Sein Vater ist auf ständige medizinische Versorgung angewiesen. Wegen der massiven Korruption verlangen sogar Ärzte in öffentlichen Spitälern jedoch Bestechungsgelder. Das bedeutet, dass bedürftige Menschen, die zudem arm sind, fortgestossen werden und sterben.»
Mohammed Daud Miraki
Soldaten in Afghanistan gefährden humanitäre Hilfe
«Die Bundesregierung sollte sich von dem Anspruch trennen, in Afghanistan mittels der Bundeswehr zivile humanitäre Helfer schützen zu wollen oder gar die Bundeswehr selbst Aufbauhilfe leisten zu lassen. Das erste funktioniert nicht: Unsere Erfahrung in Krisensituationen rund um die Welt seit über 50 Jahren ist, dass humanitäre Helfer vor allen Dingen durch ihre strikte Neutralität und die dadurch bedingte Anerkennung in allen Bevölkerungsgruppen geschützt werden! Und das zweite ist neben allem anderen auch noch viel zu teuer: humanitäre oder Entwicklungshilfe, durch die Bundeswehr ausgeführt, kostet ein Vielfaches mehr!»
Quelle: Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin des evangelischen Hilfswerks «Brot für die Welt» in einem Interview mit www.german-foreign-policy.com vom 13.9.2007.
Als Repräsentanten westlicher Dominanz wahrgenommen
«Die Gefährdung unserer Mitarbeiter rührt weit weniger von einer fundamental-islamistischen Gesinnung der Bevölkerung als von neuen strategisch-taktischen Planungen politischer und militärischer Akteure.
Die neuen militärischen Strategien tragen dazu bei, dass humanitäre Akteure in Afghanistan, aber auch in anderen islamisch geprägten Ländern wie Somalia und Irak, zunehmend als Repräsentanten westlicher Dominanz wahrgenommen werden. Das gefährdet unsere Arbeit. Als humanitäre Hilfsorganisation, die auf Neutralität angewiesen ist, lehnen wir eine Unterordnung unter politische Agenden ab.
Als Folge der zunehmenden Verwischung der Grenzen zwischen zivil-humanitärer Hilfe und militärischen Operationen durch militärisch eingebettete Hilfe werden Hilfseinsätze auch für rein humanitäre Organisationen gefährlicher. Früher war die Caritas-Fahne oder die des Roten Kreuzes in Kriegsgebieten ein Schutz. Das gilt heute nicht mehr.»
Quelle: Dr. Oliver Müller, Leiter Caritas international, bei einem Vortrag zur Präsentation des Jahresberichtes 2006
der Organisation in Berlin am 13. Juni 2006.